Die Klasse 11FT2 mit ihrem Lehrer StRzA Purschwitz -

Sozialkunde einmal anders!

Hecker meets Westernhagen

Rebellion für die Demokratie und die Wiederherstellung ihres Grundgedankens

“Politik nach Noten? Häääh???” “Haben wir Sozialkunde oder Musik?” “Gibt’s da etwa einen Zusammenhang?” “Na ja, wenn man sich politische Songtexte anschaut: im Blues, bei modernen Liedermachern usw.” “Kennt überhaupt irgendjemand ein Lied das irgendwie einen politischen Text hat?”

So oder so ähnlich verliefen die Diskussionen im Klassenzimmer, als sich die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler für das Thema “Politik nach Noten” beim Schülerwettbewerb zur politischen Bildung entschied. Es stellte sich die Frage, welche Lieder wir näher erläutern sollten, da von Seiten der Schüler viele Vorschläge eingegangen sind. Wir diskutierten, ob wir geschichtliche oder moderne Lieder näher erläutern sollten, ob wir die Texte vergleichen oder Gegensätze aufzeigen sollen oder ob wir überhaupt einen möglichen Zusammenhang interpretieren sollten. Während der Recherchen wurde immer deutlicher, dass es politische Lieder nicht erst seit kurzer Zeit gibt, sondern die Ansätze politischer Liedtexte weit in die Vergangenheit reichen. Es wurden anfangs eigentlich nur moderne Lieder vorgeschlagen, wie z. B.: “Sascha, ein aufrechter Deutscher” von den Toten Hosen, “Mit dem Schwert nach Polen, warum, René” von den Ärzten oder “Die Härte” von Herbert Grönemeyer. Mit der Zeit kamen auch ältere Lieder ins Gespräch, wie z. B. der Blues oder die propagandistischen Lieder der Nationalsozialisten. “Politik nach Noten” kann sich ja auch auf systemunterstützende Lieder beziehen. Auf der Suche nach dem “Horst-Wessel-Lied” stießen wir durch Zufall auf das “Heckerlied”. Friedrich Hecker versuchte schon Jahrzehnte vor der Gründung der ersten Republik mit Hilfe einer Rebellion eine Demokratie zu errichten. Wir entschieden uns dann endgültig für das “Heckerlied” und “Grüß mir die Genossen” von Marius Müller-Westernhagen, weil in beiden Liedern für demokratische Werte gefochten wird. Im “Heckerlied” geht es um die Demokratisierung in einem Obrigkeitsstaat (auch wenn dies gewaltsam vor sich gehen muss), Westernhagen beklagt, dass in einem von Einzelnen bedrohten Staatswesen Persönlichkeitsrechte eingeschränkt werden.

Zunächst: Grönemeyer, Die Ärzte und andere ...

Im Vorfeld besprachen wir noch andere Lieder mit politischem Inhalt, vor allem neuere deutsche Songs.

So etwa das Lied “Wunderkinder” von Heinz Rudolf Kunze, welches die Generation der “Wirtschaftswunder Kinder” behandelt. Es ist eine Selbstanklage der Politiklosen die für die 68er-Bewegung zu jung waren und denen ihr Vergnügen stets wichtiger war als die Politik. In der Gegenwart des Jahre 1986 werden sie von dieser Vergangenheit eingeholt.

Das Lied “Sascha, ein aufrechter Deutscher” ist aus dem Album “Die Toten Hosen - Reich & Sexy - Ihre größten Erfolge”. Mit diesem Album bedanken sich “Die Toten Hosen” bei allen, die diese Platte gekauft haben, da der Erlös zu 100% an die Aktion “Düsseldorfer Appell gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus” ging. Es kamen weit über eine halbe Million Mark zusammen. Das Lied drückt die Meinung einer Punkband über Neonazismus bzw. über die rechte Szene aus. Der Text ist sarkastisch und ironisch geschrieben und ist auf eine Person ausgerichtet. Es sind jedoch alle “Rechten” angesprochen. Die Hauptfigur ist ein Neonazi, der sich mit seinem geringen Wissen aus Frust durch seine Arbeitslosigkeit einer rechtsradikalen Gruppierung angeschlossen hat. Sascha, so sein Name, nimmt die kulturellen Einflüsse von in Deutschland lebenden Ausländern an, lehnt diese als Personen aber ab. Er unternimmt Aktionen mit den Rechten und zündet Asylantenheime an (wie es tatsächlich schon, vor allem in den neuen Bundesländern, vorgekommen ist). Nur wenige haben aus der Zeit vor 50 Jahren gelernt, denn es gibt heute noch viele Sympathisanten des Nationalsozialismus.

Auch das Lied “Tanzen” von Herbert Grönemeyer stand zur Auswahl. Es beschreibt in sehr ironischer Form die “Wir-sind-wieder-wer-Einstellung” vieler Deutscher. Grönemeyer greift den Konservatismus und die Selbstzufriedenheit der Deutschen an, die der Welt “vortanzen”.

Der Ärzte-Song “Mit dem Schwert nach Polen, warum, René?”, den wir auch diskutierten, erzählt von einem zwanzigjährigen Jugendlichen, der an seiner Umwelt zerbricht. Seine Eltern arbeiten bei der Post, was bedeutet, dass seine Familie ziemlich arm ist. Zudem ist er Arbeitslos. Er wird von seinen Mitmenschen verachtet. Eines Tages einweicht der in ihm aufgebaute Druck und er läuft Amok. Er besorgt sich Waffen, und geht nach Polen, wo er bereits ein paar hundert Meter nach der Grenze von eine Polizeistreife aufgegriffen und zurückgeschickt wird.

Das “Heckerlied”

Wenn die Leute fragen, wenn die Leute fragen,
wenn die Leute fragen: “Lebt der Hecker noch?”
Dann könnt ihr ihnen sagen, dann könnt ihr ihnen sagen,
dann könnt ihr ihnen sagen: “Ja er lebet noch.”
Er hängt an keinem Baume, er hängt an keinem Strick,
er hängt an seinem Traume von der  freien Republik.

Nun herab ihr Großen, gebt den Purpur her.
Das gibt rote Hosen für der Freiheit Heer,
für der Freiheit Rechte, für der Freiheit Reich.
Wir sind keine Knechte, wir sind alle gleich.
Fürstenblut muß fließen, faustenknüppeldick,
dann will ich dich begrüßen, du Pfälzer Republik.

Dann wird’s, dann bleibts erst gut,
wenn du an Gut und Blut wagst Gut und Blut.
Wenn du Gewehr und Axt,
Schlachtbeil und Sense packst,
Zwingherrn den Kopf zerhackst.
Brenn alter Mut!

 

 

Friedrich Hecker wurde 1811 in Eichtersheim, als Sohn eines hohen Beamten geboren. Er ging auf einem Gymnasium in Mannheim zur Schule. Im Anschluss daran besuchte er die Universität in Heidelberg und schloss 1834 sein Jurastudium erfolgreich ab. Er schaffte es innerhalb kürzester Zeit, als Abgeordneter in die Zweite Badische Kammer gewählt zu werden. Die Schaffung eines demokratischen Rechsstaats war sein Ziel. Auf der Offenburger Versammlung am 12. September 1847 wurde ein Katalog politischer Ziele verabschiedet, worin das Ende der Reaktion in Deutschland und ein demokratisch verfasster Nationalstaat, soziale Grundrechte und Abschaffung der Adelsprivilegien gefordert wurden. 1848 breitete sich von Paris ausgehend ein Aufstand der Völker aus. Es kam in ganz Deutschland zu Volksversammlungen und es wurden sogenannte Märzforderungen gestellt. Ende März trat das Vorparlament zusammen und es wurde deutlich, dass die Demokraten (um Hecker) andere Ziele anstrebten als die liberale Mehrheit. Die Demokraten versuchten daher, die Monarchen endgültig vom Thron zu stoßen, was ihnen aber nicht gelang. Daher startete von Konstanz aus der sogenannte “Hecker-Zug” nach Karlsruhe, um für eine Republik zu kämpfen. Da diese Aktion wiederum scheiterte, mussten Hecker und andere führende Demokraten ins Schweizer Exil fliehen. Nach den  Wahlen für die Frankfurter Paulskirche kamen die Demokraten und Republikaner kaum zum Zug.

Aus den Tagen des Exils stammen die Fragmente, die später zum “Heckerlied” wurden.

Interpretation

“Zusammengestellt aus Fragmenten der Zeit”, wie es heißt, also offensichtlich aus Volksreimen, die sich um den südwestdeutschen Revolutionär rankten, charakterisiert das Heckerlied in zwei bewegten und einer langsamen Strophe die politischen Ziele Friedrich Heckers sowie seiner Anhänger und beschreibt gleichzeitig die Verfolgung seitens der Obrigkeit, der er ausgesetzt ist.

In der ersten Strophe werden die politischen Ideen des offensichtlich untergetauchten Revolutionärs, von dem das Volk nicht sicher ist, ob er noch lebt, aufgezeigt: Er ist nicht in den Händen seiner Gegner, der Obrigkeit, und von dieser auch noch nicht hingerichtet worden, sondern bleibt seinem “Traume” treu, dem Traum von einer freien Republik. Bei Freunden ist er wohl untergekommen, man versteckt ihn, ist aber auch mutig genug, dies laut zu sagen. Die Wiederholungen zu Beginn der Strophe bewirken eine besondere Eindringlichkeit der Frage nach Heckers Leben und der Antwort darauf. Das Wortspiel “nicht am Baum oder einem Strick hängen, sondern an einem Traum” mit den Binnenreimen ist besonders gut gelungen.

Friedrich Heckers politische Freunde und seine Mitrevolutionäre melden sich in der zweiten Strophe zu Wort. Die “Großen”, also die Fürsten und Adeligen, sollen ihre Reichtümer hergeben, allen voran den edlen Purpurstoff. Daraus sollen rote Hosen für eine Armee der Freiheit, ein echtes Volksheer, gefertigt werden. Die Farbe Rot als Synonym für die Revolution taucht hier schon sehr früh auf. Wiederum mit dem Mittel von Binnen- und Endreimen werden in der Mitte der zweiten Strophe die Ideale der Französischen Revolution besungen - die Freiheit und die Gleichheit, für die es zu kämpfen gilt. Martialisch wird es am Ende der Strophe, wenn dick fließendes Fürstenblut als Voraussetzung für die Entstehung der Republik (wenn schon noch kein “gesamtdeutscher” Nationalstaat in republikanischer Form in Aussicht steht, dann doch wenigstens eine “Pfälzer Republik”) erscheint.

Obwohl (oder gerade weil?) die dritte Strophe in einem langsamen Dreivierteltakt gespielt und gesungen wird und sehr stark an die englische Nationalhymne erinnert, geht es inhaltlich am heftigsten zur Sache: Die Revolution wird blutiger Ernst. “Gut” wird es erst, wenn man etwas wagt und dabei sein eigenes Blut zu geben bereit ist. Es winken immerhin auch die Güter der Reichen. Mit Gewehr, Axt, Schlachtbeil und Sense geht es der Obrigkeit, den “Zwingherrn” an den Kragen; ihnen soll gar der Kopf “zerhackt” werden.

Am Ende spricht man sich noch einmal Mut zu. Geradezu beschwörend wird der “alte Mut” angerufen.

Das Heckerlied spricht die revolutionäre Stimmung an, die im Südwesten des Deutschen Bundes noch bis in den Herbst 1848 wirksam war. Während ein Großteil der deutschen Revolutionäre vom März auf ihrem Weg in die Paulskirche immer mehr glatt geschliffen wurde und man sich schließlich mit einer konstitutionellen Monarchie als Ziel zufriedengab, strebten Hecker und seine Anhänger konstant nach Demokratie, Republik, der völligen Abschaffung von Adelsprivilegien, der (modern ausgedrückt) Sozialisierung von Großkapital und Ähnlichem. Insoweit waren sie Frühsozialisten oder auch frühe Sozialdemokraten.

Wirklichkeit wurde Heckers “Traume von der freien Republik” erst 1918/19. Bald schon merkte man aber, wie sehr die Sozialdemokratie (man denke nur an das Ebert-Groener-Abkommen) mit alten Kräften zusammenarbeitete. Wäre Hecker hier schon bei der KPD gelandet?

Vollends die “Obrigkeit” war die Sozialdemokratie dann in den Jahren der Konfrontation der Bundesrepublik Deutschland mit der RAF. Marius Müller-Westernhagen erinnert “die Genossen” an dieses Problem!

Einige Schüler der Klasse 11 FT 2, die Noten lesen bzw. ein Musikinstrument spielen können, haben die Melodie des Heckerliedes auf moderne Weise eingespielt. Die Freiheit der Bearbeitung haben wir uns genommen – dies liegt, so denken wir, durchaus in Heckers Sinne. Der glasklaren Stimme von Carmen widersprechen zwar etwas die rauhbeinigen Stimmen von Martin und Simon, aber das tut der revolutionären Stimmung keinen Abbruch.

“Grüß mir die Genossen” (Marius Müller Westernhagen)

Neulich, 6 Uhr früh, tritt man mir die Tür ein
Ich spring aus dem Bett, da stürmt die Polizei rein
Los, stellen sie sich an die Wand, man hat sie erkannt
Ein Nachbar rief uns an, Sie sind ein Sympathisant
Ich sag: Das muss ein Irrtum sein, ich bin doch bloß ein Bürger
Doch die pflügen mir die Wohnung um , als wäre ich ein Würger

In dem großen grünen Wagen darf ich dann mitfahren
Ich frag noch mal: Wieso? - Das werden Sie schon erfahren
Im Präsidium dann Verhöre - ich weiß von nichts, ich schwöre
Da brüllt mich einer an, dass ich die Ordnung störe
Morgen kommt ihr Anwalt, jetzt bleiben Sie erst mal hier
Sie kriegen ein schönes Einzelzimmer, Zelle Nr. 4

Irgendwelche  Verrückte entführen in dieser Nacht: dann
Einen Düsenjet und legen sich mit Helmut an
Mein Anwalt darf nicht kommen, die Sicherheit geht vor
Da lieg ich nur auf Eis und quatsche meine Wand an
Nach Wochen stellt sich endlich raus, mein Nachbar ist bekannt
Der zeigt fast täglich Leute an, nach seiner Pensionierung wurd er Denunziant
Wir tun nur unsre Pflicht, das Tor wird aufgeschlossen

Der Schließer sagt noch grinsend: Grüß mir die Genossen
Eines wird mir klar, wenn irgendjemand schreit, Gesetze müssen her
Dem hau ich auf die Flossen
Ja, eines ist mir sonnenklar,
Falls wir glauben sollten,
Terror kann man durch Terror bremsen,
Dann sind wir bald wieder soweit.

 

Hintergründe

Das Lied spielt auf die Zeit um 1977 während der Hochzeit des RAF-Terrorismus.

Die Zeit damals wurde Deutscher Herbst genannt, da die RAF der Bundesrepublik Deutschland den Krieg. Man sprach von dem Krieg der “6 gegen die 60 Millionen” Zu dieser Zeit verübte die RAF sehr viele Anschläge mit dem Ziel, die damalige Regierung unter Helmut Schmidt einzuschüchtern. Die RAF ermordete Vorsitzende wichtiger deutscher Einrichtungen, so z. B. am 7. April 1977 den Generalbundesanwalt Sigfried Buback mit zwei Begleitern oder am 5 September 1977 der Präsident der Arbeitgeberverbände und des Bundesverbandes der deutschen Industrie Hanns Martin Schleyer und seine Begleiter. Die Bundesregierung reagiert darauf mit hohen Haftstrafen, gegen verhaftete RAF-Mitglieder. So werden die RAF-Anführer Baader, Enslin und Raspe zu lebenslanger Haft verurteilt. Zu dieser Zeit reichte schon der unbegründete Verdacht der RAF-Angehörigkeit zur Verhaftung. Am 13 Oktober 1977 entführen RAF-Terroristen die Lufthansamaschine “Landshut” und “legen sich mit Helmut an”. Nach 4 Tagen erschießen diese den Piloten der Landshut. Am Tag darauf stürmt ein Antiterrorkommando der GSG9 das Flugzeug.

Interpretation

In der ersten Strophe wird beschrieben, wie dem “lyrischen Ich” morgens die Türe eingetreten wird. Einem Schwerverbrecher gleich wird er an die Wand gestellt, seine Wohnung wird umgepflügt. Die einzige Begründung, die er hierfür erhält, ist die Mitteilung, er sei ein Sympathisant (offensichtlich einer terroristischen Vereinigung). Ein (übereifriger?) Nachbar hat die Polizei gerufen. Sämtliche Unschuldsbeteuerungen werden ignoriert.
Dieses Lied spielt in der Zeit von 1977 bis 1978, in den “Hochzeiten” des Terrorismus der RAF. In dieser Zeit reichte schon allein der Verdacht der RAF-Nähe aus, um einen Bürger zu diskreditieren. Es wird auch die Brutalität beschrieben, mit der die Polizei gegen Sympathisanten vorging.
Der Erzähler wird dann in einer “grünen Minna” in das Polizeipräsidium verfrachtet. Es werden ihm keinerlei Gründe für seine Verhaftung gegeben und nach Verhören wird er trotz aller Schwüre in eine Einzelzelle gesperrt und muss bis zum nächsten Tag auf seinen Anwalt warten.Er wird praktisch schon ohne Verhandlung verurteilt und es werden ihm Teile seiner Grundrechte vorenthalten.Zum Beispiel darf ihn sein Anwalt erst am nächsten Tag besuchen und er kommt in Einzelhaft.

In der ersten Nacht, in der der Erzähler eingesperrt, entführen Terroristen ein Flugzeug und legen sich mit dem damaligen Kanzler Helmut Schmidt an. Es werden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft, weshalb auch der Anwalt des Erzählers nicht kommen darf. Erst nach Wochen stellt sich heraus, dass der “Sympathisant” eigentlich vollkommen unschuldig ist und von seinem Nachbarn, einem Pensionär und Denunziant angezeigt wurde.
In der dritten Strophe wird die Krise um die Entführung der “Landshut” durch palästinensische Terroristen im Jahre 1977 beschrieben. Während dieser Zeit durften Inhaftierte, die wegen Verdachts auf RAF-Bekanntschaften einsaßen, keinerlei Besuch empfangen, weil die Gefahr, dass Waffen eingeschmuggelt würden, viel zu groß war. Die aufgeheizte Stimmung dieser Tage führte dazu, dass die Unschuldsvermutung oft aufgehoben wurde. Man glaubte den Beschuldigern auch ohne Beweise.

In der letzten Strophe wird der Erzähler mit den Worten “Wir tun nur unsere Pflicht” freigelassen. Der Wärter sagt noch grinsend: “Grüß mir die Genossen”. Der Erzähler lehnt es entschieden ab, neue Gesetze, die die über Jahrhunderte erarbeiteten Grundrechte in Frage stellen, in so kurzer Zeit zu erlassen, weil wir in diesem Falle nur wieder auf eine ähnliche Situation wie zu Beginn des Dritten Reichs hinzielen. Westernhagen macht mit diesem Lied klar, dass selbst die Sozialdemokraten, welche so auf den Schutz des Einzelnen bedacht sind, in einer Krise überreagieren können. Der sehr bluesähnliche Musikstil betont die Verzweiflung und Ratlosigkeit des Erzählers.

Demokratie: Rebellion und Besinnung auf Ideale

Ein revolutionäres Lied aus dem 19. Jahrhundert und ein ironischer Kommentar eines deutschen Rocksängers zur politisch-geistigen Situation des 70er-Jahre-Deutschland – passt das, noch dazu unter einer gemeinsamen Leitlinie, überhaupt zusammen? Wir denken schon!
Das, wofür Friedrich Hecker, dem das “Heckerlied” gewidmet ist, stand, nämlich Freiheit, Gleichheit und Demokratie, sind Werte, die auch heute noch täglich erstritten werden müssen. Marius Müller-Westernhagen legt den Finger in die Wunde der zweiten deutschen Demokratie, die für sich in Anspruch genommen hat (und auch heute noch nimmt), Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit verwirklicht zu haben. So sehr dies auch für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland generell mit Recht behauptet werden kann, es hat doch Zeiten gegeben, zu denen man daran zumindest zweifeln konnte. Westernhagens (gar nicht so) leise Kritik an der Vorgehensweise der bundesdeutschen Obrigkeit zu der nervösen Zeit des RAF-Terrorismus macht deutlich, dass man bei uns und heute zwar nicht mehr, wie zu Heckers Zeiten, für die Demokratie rebellieren muss, dass man aber immer wachsam bleiben soll, wenn Grundrechte beeinträchtigt werden.

Hecker sagte immer: “Ich kämpfe für die Freiheit, die ganze Freiheit für alle... aber keine Freiheit nur für die Privilegierten oder für die Reichen, ich bin, wenn ich es mit einem Wort benennen soll,

“Sozialdemokrat!!!”

Quellenangaben:

Kröhner, Hein und Oss (Hrsg.:)  Das sind unsere Lieder. Ein Liedbuch.   Frankfurt/M. 1977

Internet:   http://www.dpa.de

   http://www.wochenblatt.net

   http://www.deutschrock.de